Jessica und die Odenwaldbande
Leseprobe
So hatte sie viele Zeit vor dem Computer verbracht, aber vieles, was sie da so las, erschien ihr unbegreiflich. „Gab es so etwas wirklich?“, fragte sie sich immer wieder. Sie wollte gerne jemanden fragen, der sich hier auskannte, aber außer dem Hauptkommissar fiel ihr niemand ein und sie traute sich nicht, diesen nochmals aufzusuchen, um ihn zu befragen. Doch dann kam ihr eines Tages doch ein glücklicher Zufall zur Hilfe.

Es war spät am Abend, als ihr eingefallen war, dass sie kurz Ladenschluss noch etwas im Einkaufsmarkt besorgen müsse. Der Markt hatte sich schon ziemlich geleert und nur noch wenige Kunden strebten der Kasse zu. Als sie diese erreicht hatte, stand vor ihr Mann, den sie kannte, nämlich besagter Hauptkommissar Krause. Was Jessica weder wusste noch ahnen konnte, war der Umstand, dass Krause an jenem Abend einen Tag hinter sich hatte, den er am liebsten schnell vergessen hätte. Er hatte in der übergeordneten Dienststelle einen Termin bei seinem Chef gehabt und stundenlang drehte sich alles nur um Zahlen und Statistiken. Dann war das Gespräch auch auf das Thema Cybercrime oder Internet-Kriminalität gekommen und hier sahen die Zahlen erwartungsgemäß sehr schlecht aus: Viele Anzeigen, kaum Ermittlungserfolge. Während Krause bis zu diesem Termin noch stolz darauf gewesen war, dass es geschafft hatte, sich als Spezialist auf diesem Gebiet innerhalb der Polizei einen bescheidenen Namen zu machen, weil die Kolleginnen und Kollegen immer wieder auf ihn verwiesen, so fühlte es sich danach eher als Versager.

Es war aussichtslos gewesen, seinem Chef klar zu machen, dass trotz der fehlenden Ermittlungsmöglichkeiten es wichtig sei, die Kriminalität einerseits zu erfassen und andererseits die Bevölkerung darüber aufzuklären, damit diese vor den Phänomenen gewarnt sei. „Ihre vielen Fälle, die Sie bearbeiten, führen doch zu nichts. Ganz im Gegenteil: Sie drücken nur die Aufklärungsquote ihres Polizeipostens nach unten. Ich erwarte jedoch von Ihnen als Leiter des Postens, dass sie Ihre Bemühungen dahingehend ausrichten, die Aufklärungsquote zu steigern!“, brachte ihm sein Chef unmissverständlich zum Ausdruck. Und seine Kollegen, die anderen Polizeiposten vorstanden und die ihm immer wieder gerne den einen oder anderen Cybercrime-Fall übermittelt hatten, ja die darum regelrecht gebeten hatten, dass er die Fälle übernehmen solle, weil er sich damit doch so gut auskenne, genau diese Kollegen schwiegen, als es an der Zeit war, ihm zur Seite zu stehen.

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